Denkmalschutz und Archäologie

Im Laufe unserer Bautätigkeiten kommen wir als Bauträger immer wieder in Kontakt mit Denkmalschutz und Archäologie. Wir stellen uns diesen Herausforderungen und allen damit verbundenen Aufgaben. Gerne geben wir Ihnen an dieser Stelle einen kleinen Einblick in vergangene Tätigkeiten anhand eines aktuellen Beispiels bei einem unserer Bauprojekte in Dieburg.


Projekt: Bauvorgreifende Ausgrabung

Lage: Stadt Dieburg, Grundstück Fuchsberg 25 I Landkreis, Gemeinde, Gemarkung: Darmstadt-Dieburg, Dieburg I Flurstücke: 127/4

Auftraggeber:  F&R Projektbau GmbH

Denkmalfachbehörde: Hr. Dr. Th. Becker (Bezirksarchäologe), Landesamt für Denkmalpflege Hessen, hessenARCHÄOLOGIE, Außenstelle Darmstadt, Berliner Allee 58, 64295 Darmstadt

Ausführende Grabungsfirma: SPAU GmbH, In den Hirschgärten 1, 35516 Münzenberg

Grabungsleitung: M. Gundelach M.A.

Ausführungszeitraum: 01.07.-13.11.2019

Tiefbauarbeiten:  F&R Projektbau GmbH, Riedel Bau GmbH


Auszug aus dem Abschlussbericht

Nähere Informationen dazu erhalten Sie gerne auf Anfrage. Senden Sie uns einfach eine E-Mail.

Einleitung

In Dieburg in Südhessen, circa 15 km östlich von Darmstadt im Landkreis Darmstadt-Dieburg, realisiert F&R Projektbau GmbH im heutigen Stadtgebiet auf Flurstück 127/4 zwei Wohnbauten, unterkellert mit einer gemeinsamen Tiefgarage. Das Flurstück liegt in der Nähe des Dieburger Bahnhofs an der Kreuzung der Straßen Fuchsberg und Am Bahnhof (Abb. 1). Das Gelände liegt in der historischen Topographie nördlich der mittelalterlichen Stadtmauer im Bereich der ehemaligen Vorstadt Minnefeld. Hier ist ein der Stadt im Norden vorgelagerter hochmittelalterlicher Töpferbezirk bezeugt. So wurden bei Ausgrabungen in den 1980er Jahren im Bereich des Grundstücks Fuchsberg 12-16, beim Bau des Bahnhofsparkplatzes und beim Bau kleinerer Hallen auf dem östlich angrenzenden Grundstück mehrere Töpferöfen und zahlreiche Gruben mit Töpferabfall des 14. und 15. Jh. entdeckt. Die regionale und überregionale Bedeutung des Dieburger Töpferzentrums im späten Mittelalter ist in Schriftquellen und über die Verbreitung der Waren belegt. Tonentnahmegruben sind im nordwestlich angrenzenden Wald erhalten (Prüssing/Prüssing 1990; Prüssing 2002). Aufgrund der zu erwartenden Töpfereibefunde wurde durch die hessenARCHÄOLOGIE, vertreten durch Hr. Dr. Th. Becker, gemäß § 22 des hessischen Denkmalschutzgesetzes eine bauvorgreifende Ausgrabung des Areals gefordert. Mit dieser wurde die SPAU GmbH beauftragt.


Geologie

Das Areal liegt auf einer leichten Anhöhe nördlich der Stadt auf etwa 145 m über NN. Das Gelände fällt Richtung Westen ab. Hier verläuft etwa 100 m westlich der Fluss Gersprenz. Geologisch stehen im Bereich des Grundstücks holozäne Flusssedimente aus fein- bis mittelkörnigem Sand an (Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) 2007).


Vorherige Nutzung des Geländes

Das Gelände wies eine Bestandsbebauung aus zwei zusammenhängenden Wohnhäusern im Südwesten und einem hallenartigen Autounterstand im Südosten auf. Die übrige Fläche war versiegelt und wurde als Parkplatz genutzt. Im Vorfeld der archäologischen Arbeiten wurde die Bestandsbebauung abgerissen. In Zusammenhang mit den Abrissarbeiten wurden im östlichen Teil der Fläche auch der rezente Bodenaufbau aus Pflaster, einer Unterfütterung und einer etwa 40 cm mächtige Schuttschicht entfernt (Abb. 2).

 


Grabungstechnik und Dokumentation

Die Ausgrabung erfolgte in drei Flächen, die im Grabungsablauf fortlaufend nummeriert wurden. Das Grabungsareal wurde soweit abgetieft, bis Befunde deutlich im anstehenden Sand erkennbar waren. Eine über dem Befundhorizont gelegen Planierschicht wurde mit dem Bagger abgezogen, wobei in die Schicht reichende Befunde als Sockel stehen gelassen und händisch auf Planumsniveau abgetieft wurden. Das Planum wurde aufgrund des Richtung Westen abfallenden Geländes stufenweise angelegt. Die Schichtabfolge wurde in mehreren Flächenprofilen dokumentiert, die quer zum Geländeabfall Richtung Westen angelegt werden mussten, da die Längsprofile durch Grundstücksbegrenzungen gestört sind. Die Ausgrabung der Befunde erfolgte nach künstlichen Schichten in Plana und Profilen. Einfache Grubenbefunde wurden geschnitten. Ofenbefunde und die zugehörigen Arbeitsgruben wurden zur Dokumentation von Konstruktionsmerkmalen und Bauphasen in Plana abgetieft. Nach Bedarf wurden zur Dokumentation von Brand- und Verfüllschichten innerhalb der Öfen und Arbeitsgruben versetzte Stege oder einzelne Profile stehen gelassen. Die Profile wurden fortlaufend nummeriert, wobei durchgehende Profile in Kreuzschnitten unter einer Nummer dokumentiert wurden. Die Benennung der Plana erfolgte nach absoluten Höhen, daher nicht dem Richtung Westen abfallenden Gelände folgend. Alle Befunde in Plana und Profilen wurden fotografisch, fotogrammetrisch, zeichnerisch und beschreibend dokumentiert. Die fotografische Dokumentation erfolgte analog und digital.


Überblick über den Grabungsverlauf

Bei Grabungsbeginn am 01.07.2020 war lediglich das ehemalige Wohnhaus im Westen noch teilweise erhalten. Mit dem Anlegen eines archäologischen Planums wurde östlich des ehemaligen Wohnhauses in Fläche 1 begonnen (Abb. 3). Der Boden wurde hier nochmals um etwa 40 cm mit dem Bagger auf ein erstes Planum abgezogen. Der Abraum wurde auf den nördlichen Teil der Fläche umgelagert, da ein Abfahren zu diesem Zeitpunkt nicht geplant war. Die obersten 40 cm zeigten sich als Planierschicht, die fast vollständig aus Töpferabfall des Spätmittelalters bestand. Innerhalb der Planierschicht zeichneten sich auf Höhe des angelegten Planums bereits Befunde ab. 

 


Befundsituation

Auf dem Grundstück wurden auf 784 qm 179 Bodenverfärbungen angetroffen. Die Befunde waren unter einer modernen Schuttschicht sowie einer Planierschicht aus Töpferabfall konserviert. Die Planierschicht lag flächig in den Flächen 1 und 2 im Osten der Grabungsfläche, war teilweise in der westlichen Fläche 3 erhalten, und wies Fundmaterial des 14.-16. Jahrhunderts auf. Die darunterliegenden Befunde waren in die anstehenden tertiären Ablagerungen eingetieft. Bei den 179 Bodenverfärbungen handelte es sich um 141 archäologische Befunde, darunter 15 Öfen, 17 frontale und seitliche Arbeitsgruben, 21 Pfosten und Pfähle, 70 weitere Gruben, darunter Abwurf-, Materialentnahme-, Tonlager- und Tonmischgruben, sowie 12 Fundamentgräben. Von den Bodenverfärbungen konnten 123 anhand von Fundmaterial datiert werden. Zum Töpferviertel gehörige Befunde stammen aus dem Spätmittelalter zwischen 14.-16. Jh. und der frühen Neuzeit zwischen 16.-17. Jh. Die spätmittelalterlichen Befunde, Töpferöfen, Gruben und ein Brunnen, verteilen sich auf der gesamten Grabungsfläche. Konzentrationen von Öfen lassen sich in Fläche 1 und der angrenzenden Südostecke von Fläche 3 sowie im Südosten der Grabungsfläche in Fläche 2 feststellen. Ofenbefunde und Arbeitsgruben aus der frühen Neuzeit liegen im Westen des Flurstücks in Fläche 3. Vereinzelt traten Grubenbefunde und Bebauungsreste der späten Neuzeit zwischen 18.-19. Jh. und der Moderne auf.


Töpferöfen und Arbeitsgruben

Insgesamt wurden 13 Töpferöfen ausgegraben. Bei zwei weiteren Befunden handelt es sich wahrscheinlich ebenfalls um Töpferöfen. Es lassen sich ovale und rechteckige Töpferöfen unterscheiden. Mit 11 sicheren sowie einem möglichen weiteren Befund entfällt der überwiegende Teil auf ovale Töpferöfen. Sie lagen Nord-Süd oder Ost-West orientiert, parallel nebeneinander, leicht versetzt gegenüber oder als aufeinander folgende Öfen an derselben Stelle, wobei Arbeitsgruben gemeinsam bzw. weiter genutzt wurden. 


Gruben

Neben den zu den Töpferöfen gehörigen Arbeitsgruben wurden innerhalb der Grabungsfläche 68 weitere Gruben festgestellt. Es handelt sich um Tonmisch- oder Tonlagergruben, gekennzeichnet durch eine Verfüllung mit Rohton, größeren Abfall- oder Abwurfgruben, in denen Fehlbrände deponiert wurden, sowie Gruben zur Entnahme von Bodenmaterial.


Brunnen

Auf dem Gelände wurden zwei Brunnen ausgegraben. Bei Befund 103 handelt es sich um einen runden Brunnen, bestehend aus Bruchsteinen (Kalkstein) in kiesigem Mörtel (Abb. 20). Der Brunnen hat einen Gesamtdurchmesser von 260 cm, eine Wandstärke von 70 cm und einen Innendurchmesser von etwa 100 cm.


Pfostenlöcher

Innerhalb der Grabungsfläche wurden 22 Pfostenlöcher dokumentiert. Ein Teil der Pfostenlöcher liegt längs benachbart zu Töpferöfen und stammt möglicherweise von Abtrennungen der Öfen zueinander. Es handelt sich um kleinere Pfostenlöcher mit einem Durchmesser bis 25 cm. In einem Werkbereich im Nordosten der Grabungsfläche sowie westlich des Ofens Befund 66 konzentrieren sich neben einigen Abwurfgruben zahlreiche Pfostenlöcher, die von Unterständen zum Töpfern oder Lagern von ungebranntem Material stammen dürften


Gräben

Im Norden der Grabungsfläche am Übergang der Flächen 1 und 3, wurden 8 Befunde aufgenommen, die als Gräben anzusprechen sind. Es handelt sich um längliche, Nord-Süd oder Ost-West verlaufende Strukturen mit geraden Längsseiten und abgerundeten Ecken.


Funde

Das Fundmaterial umfasst 20 Paletten mit 385 stapelbaren Euronorm E2 Kisten und 2073 Fundzettelnummern. Die Fundzettelnummern 575-588 sind aufgrund eines Datenbankfehlers nicht vergeben. Das Inventar umfasst Keramik, Fayence und Porzellan, Baukeramik, darunter Ziegel und Rotlehm, Metallfunde, darunter Eisen, Buntmetall, Bronze, Blei und Schlacke, Stein, Putz und Mörtel, Glas, Textilfunde sowie tierische Knochen, Zähne und Horn.


Keramik

Der Hauptteil des Fundmaterials entfällt mit 828 Fundzettelnummern auf Keramik. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um Fehlbrände. Die Gefäße und Scherben sind aufgrund mangelnder Trocknung vor dem Brand verdrückt bis deformiert, weisen Brüche in Folge mangelnden Aufbaus der Gefäße beim Töpfern, farbliche Mängel der Oberfläche in Folge ungünstiger Bestückung der Öfen oder verlaufende und blasige Glasuren auf. Häufig sind die Gefäße unbrauchbar gemacht. Ein großer Teil des Keramikinventars entfällt auf sog. Dieburger Ware, die ins Spätmittelalter datiert wird. Es handelt sich um getauchte Ware mit außenseitig flächendeckend oder nicht flächendeckend angebrachter, brauner Engobe. Die Keramik ist helltonig und hart gebrannt. Das Formenspektrum umfasst ausschließlich Tischgeschirr.


Ofenkacheln

Neben der Gefäßkeramik stellen Ofenkacheln mit 257 Fundzettelnummern einen großen Teil des Fundinventars. Ofenkacheln treten glasiert und unglasiert auf. Unglasierte Ofenkacheln sind aus helltoniger Irdenware gefertigt. Es kommen sog. Becherkacheln, hohe Ofenkacheln mit steil-schrägem Wandverlauf, flachem Boden und runder Mündung, sowie sog. Rechteckkacheln, flachere Ofenkacheln mit rechteckiger Mündung und Leistenrändern mit Unterkehlung vor.


Ziegel, Rotlehm und Mörtel

Insgesamt 503 Fundzettelnummern entfallen auf Ziegel, Rotlehm und einige Mörtelfragmente. Am häufigsten treten Dachziegel des Typs Mönch und Nonne auf. Sie wurden in der Regel in den Kuppeln der Töpferöfen verbaut. Firstziegel scheinen zudem in den Öfen als Luftröhren oder Düsen zwecks Temperaturregulation verwendet worden zu sein. Entsprechend zeigen zahlreiche Exemplare anhaftende Glasur, welche vom Verbau in den Öfen stammen sollte. Dachziegel des Typs Mönch und Nonne wurden vor Ort spätestens ab dem frühen 17. Jh. produziert. Zahlreiche Fehlbrände stammen aus dem Ofen Befund 133. Eine Produktion vor Ort im Spätmittelalter lässt sich nur indirekt belegen. Die Dachziegel wurden ebenso zahlreich wie die Töpfe beim Ofenbau verwendet, was nahelegt, dass sie ebenfalls vor Ort produziert wurden. Wenige Dachziegel vom Typ Bieberschwanz kommen ausschließlich in jüngeren Befunden vor (Befund 17 und Befund 169). Daneben treten Bodenfliesen auf. Sie sind rechteckig, unterschiedlicher Größe und weisen häufig Anhaftungen von Glasur auf. Bodenfliesen wurden in Öfen verbaut und in Speichergruben angetroffen, was eine Produktion vor Ort wahrscheinlich macht. Ornamentierte Bodenfliesen, welche nach Ausweis von Textquellen ebenfalls in Dieburg hergestellt worden sein sollen, wurden nicht angetroffen


Metallobjekte

Unter 124 Fundzettelnummern wurden Metallobjekte geborgen.  Beim überwiegenden Teil handelt es sich um eiserne Werkzeuge. Die Eisenobjekte sind überwiegend stark korrodiert. Den Werkzeugen kam wahrscheinlich eine Funktion in der Töpferei zu. So könnten häufig geborgene sichelförmige Objekte mit einer Schnur verbunden gewesen sein und dem Zerteilen rohen Tons gedient haben. Einen besonderen Fund aus der Arbeitsgrube zum Töpferofen Befund 66 bildet ein Eisenmesser mit Schneide aus Bein. Neben den Eisenwerkzeugen wurden zahlreiche Gewandbestandteile und Schmuck aus Bronze und Buntmetall aus dem Bereich der Töpferöfen und Arbeitsgruben geborgen, u.a. mehrere Röhrchen, eine Fadenöse, ein Ring, ein Beschlag und eine Gürtelschnalle. Zu den jüngeren Metallfunden gehören zwei Öllampen aus Messing. Sie stammen aus dem modernen Befund 17 und sind aufgrund der Bauart am ehesten ins 20. Jahrhundert zu datieren. Aus modernen Befunden stammen zudem mehrere Objekte unbestimmter Funktion.


Knochen

Unter 185 Fundzettelnummern wurden Tierknochen geborgen. Die Knochen sind gut erhalten und nur wenig brüchig. Es handelt sich zum überwiegenden Teil um Schlacht- bzw. Nahrungsmittelabfälle. Im Bereich der Kuppel des Ofens Befund 5 wurde ein großer Teil einer Ziege oder eines Schafs im Knochenverband liegend angetroffen.


Sonstige Funde (Glas, Stein, Textil)

Unter 83 Fundzettelnummern wurde Glas geborgen (Abb. 44). Es handelt sich um mehrere Fragmente von Flachglas und Gefäßen des Mittelalters mit deutlicher Glaskorrosion sowie ein pyramidenförmiges Objekt, welches aufgrund Durchlochung als Gewandbestandteil angesprochen wird. Einige moderne Flaschen und Gläser stammen aus dem modernen Brunnen Befund 167. Unter zwei Fundzettelnummern wurden darüber hinaus Reste von Textilien geborgen. Sie stammen aus modernen Kontexten.


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